Wenn ein Steuerberater oder eine Kanzlei GPT-4 nutzen will, ohne gegen die DSGVO zu verstoßen, fällt früher oder später der Name Azure OpenAI. Das ist Microsofts gehostete Version derselben Modelle, die auch hinter ChatGPT stecken. Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Modell, sondern darin, wer Ihre Daten verarbeitet und unter welchem Vertrag.
Azure OpenAI ist tatsächlich der saubere Weg, GPT in einem regulierten Umfeld einzusetzen. Aber “läuft auf Azure” ist keine automatische Compliance. Es gibt drei Fragen, die Sie beantworten müssen, bevor Sie das Häkchen bei “DSGVO-konform” setzen: Wo liegen die Daten, was steht im Auftragsverarbeitungsvertrag, und was passiert mit Ihren Eingaben.
Was ist Azure OpenAI und wie unterscheidet es sich von ChatGPT?
Azure OpenAI Service ist ein Angebot von Microsoft, bei dem die OpenAI-Modelle (GPT-4o, GPT-4.1, die o-Serie und weitere) innerhalb der Azure-Cloud laufen. Sie greifen nicht auf die Server von OpenAI zu, sondern auf Microsoft-Infrastruktur.
Das klingt nach einem Detail, ist aber der ganze Punkt. Bei ChatGPT in der kostenlosen oder Plus-Version ist Ihr Vertragspartner OpenAI, ein US-Unternehmen, und die Standardeinstellungen sehen eine Nutzung Ihrer Eingaben zum Modelltraining vor. Bei Azure OpenAI ist Ihr Vertragspartner Microsoft, die Verarbeitung läuft in einer Azure-Region Ihrer Wahl, und Ihre Eingaben werden nicht zum Training der Modelle verwendet.
Für eine Kanzlei oder ein Steuerbüro ist das der Unterschied zwischen “geht nicht” und “geht, wenn richtig aufgesetzt”.
Wo werden die Daten bei Azure OpenAI verarbeitet?
Microsoft bietet Azure OpenAI in mehreren europäischen Regionen an, darunter Deutschland (Germany West Central), Schweden und Frankreich. Bei der Bereitstellung einer Ressource wählen Sie die Region aus. Wenn Sie eine EU-Region wählen, werden die Anfragen zur Inferenz, also die eigentliche Verarbeitung Ihrer Prompts, innerhalb dieser Region ausgeführt.
Zusätzlich gilt für Azure die sogenannte EU Data Boundary. Das ist Microsofts Zusage, personenbezogene Kunden-Daten für eine definierte Liste von Diensten innerhalb der EU und der EFTA zu speichern und zu verarbeiten. Azure OpenAI ist Teil dieser Zusage.
Wichtig zu wissen: Nicht jedes Modell ist sofort in jeder Region verfügbar. Neue Modellversionen erscheinen oft zuerst in US-Regionen. Wenn Datenstandort für Sie ein hartes Kriterium ist, müssen Sie bei der Modellauswahl prüfen, ob das gewünschte Modell in Ihrer EU-Region angeboten wird. Ein Modell, das nur in “East US” läuft, hilft Ihnen bei der Datenresidenz nichts.
Nutzt Microsoft meine Daten zum Training?
Nein. Das ist der wichtigste Satz für jeden, der sensible Daten verarbeitet.
Microsoft dokumentiert für den Azure OpenAI Service klar: Ihre Prompts und die generierten Ausgaben werden nicht dazu verwendet, die OpenAI-Modelle, Microsoft-Modelle oder Modelle Dritter zu trainieren oder zu verbessern. Ihre Eingaben werden auch nicht an OpenAI weitergegeben. Die Modelle sind für Ihre Nutzung isoliert.
Das ist genau der Unterschied, der ChatGPT Free für berufsgeheimnisträger disqualifiziert und Azure OpenAI qualifiziert. Wo bei der kostenlosen Version die Trainingsnutzung der Standard ist, ist sie bei Azure OpenAI vertraglich ausgeschlossen.
Was steht im AVV mit Microsoft?
Sobald Sie personenbezogene Daten durch Azure OpenAI verarbeiten lassen, handelt Microsoft als Auftragsverarbeiter im Sinne von Art. 28 DSGVO. Sie brauchen dafür einen Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV).
Bei Microsoft heißt dieses Dokument Data Protection Addendum (DPA), früher als Online Services Terms geführt. Es ist Teil der Microsoft-Produktbedingungen und gilt automatisch für Ihre Azure-Nutzung, sobald Sie einen Vertrag mit Microsoft haben. Sie müssen kein separates Papier unterschreiben, aber Sie sollten das DPA kennen und für Ihre Dokumentation ablegen.
Der AVV regelt die üblichen Punkte nach Art. 28: Gegenstand und Dauer der Verarbeitung, die Weisungsgebundenheit von Microsoft, Vertraulichkeit, technische und organisatorische Maßnahmen, den Umgang mit Unterauftragsverarbeitern und die Löschung nach Vertragsende.
Ein Punkt, den viele übersehen: Microsoft setzt Unterauftragsverarbeiter ein und führt darüber eine öffentliche Liste. Diese Liste ändert sich. Wer sauber dokumentiert, muss die Unterauftragsverarbeiter regelmäßig prüfen und Änderungen bewerten. Ich habe das am Beispiel eines konkreten Subunternehmer-Falls durchgespielt.
Für den Drittlandtransfer stützt sich Microsoft auf seine Zertifizierung unter dem EU-US Data Privacy Framework sowie auf Standardvertragsklauseln als Ergänzung. Das ist der aktuell etablierte Rechtsrahmen, seit die EU-Kommission 2023 den Angemessenheitsbeschluss für das Data Privacy Framework gefasst hat.
Was passiert mit meinen Eingaben zur Missbrauchserkennung?
Hier wird es für regulierte Branchen interessant, und dieser Punkt fehlt in den meisten Ratgebern.
Azure OpenAI speichert standardmäßig Prompts und Ausgaben für bis zu 30 Tage, um Missbrauch und Richtlinienverstöße zu erkennen. In diesem Rahmen können in bestimmten Fällen auch autorisierte Microsoft-Mitarbeiter Inhalte einsehen. Für die meisten Anwendungen ist das unproblematisch. Für eine Kanzlei, die Mandantendaten verarbeitet, ist “ein Microsoft-Mitarbeiter könnte theoretisch mitlesen” aber ein Punkt, der in die Datenschutz-Folgenabschätzung gehört.
Die Lösung: Microsoft bietet ein Programm für “modified abuse monitoring” an. Wer sich dafür qualifiziert und es beantragt, kann die menschliche Prüfung und die 30-Tage-Speicherung für die Missbrauchserkennung abschalten. Für Verarbeitungen mit besonders sensiblen Daten, etwa unter §203 StGB, sollten Sie diesen Antrag stellen und die Genehmigung dokumentieren.
Reicht Azure OpenAI allein für DSGVO-Konformität?
Nein. Und das ist der Satz, der die teuren Fehler verhindert.
Azure OpenAI liefert Ihnen die Bausteine für eine konforme Verarbeitung: EU-Datenstandort, einen AVV, keine Trainingsnutzung, die Option auf abgeschaltete Missbrauchsüberwachung. Aber die Verantwortung für die Verarbeitung bleibt bei Ihnen. Sie sind der Verantwortliche im Sinne der DSGVO, Microsoft ist nur der Auftragsverarbeiter.
Das bedeutet, Sie müssen selbst noch:
- eine Datenschutz-Folgenabschätzung durchführen, wenn die Verarbeitung ein hohes Risiko birgt, was bei Mandanten- oder Gesundheitsdaten regelmäßig der Fall ist
- die Verarbeitung in Ihr Verzeichnis von Verarbeitungstätigkeiten aufnehmen
- die technischen und organisatorischen Maßnahmen konfigurieren, also Zugriffskontrolle, Protokollierung, Rollen und Rechte in Azure
- eine Nutzungsrichtlinie aufsetzen, die regelt, wer welche Daten eingeben darf, denn die beste Konfiguration hilft nichts, wenn Mitarbeiter trotzdem alles eingeben
- die Rechtsgrundlage für die konkrete Verarbeitung klären
Die Plattform ist konform bereitstellbar. Ob Ihre konkrete Nutzung konform ist, entscheidet Ihre Konfiguration und Ihre Dokumentation. Genau da unterscheidet sich ein sauberes Setup von einem, das im Prüfungsfall auseinanderfällt.
Checkliste: Azure OpenAI datenschutzkonform aufsetzen
Wenn Sie Azure OpenAI in einer Kanzlei oder einem Steuerbüro einführen, arbeiten Sie diese Punkte ab:
- Region prüfen. Ressource in einer EU-Region bereitstellen und sicherstellen, dass Ihr gewünschtes Modell dort verfügbar ist.
- DPA ablegen. Das Microsoft Data Protection Addendum als AVV zu Ihren Datenschutzunterlagen nehmen.
- Unterauftragsverarbeiter dokumentieren. Die Microsoft-Liste erfassen und einen Prozess für die regelmäßige Prüfung festlegen.
- Modified abuse monitoring beantragen, wenn Sie besonders sensible Daten verarbeiten.
- DSFA durchführen, wenn die Verarbeitung ein hohes Risiko darstellt.
- TOMs konfigurieren. Zugriffskontrolle, Audit-Logging und Rollenkonzept in Azure einrichten.
- Nutzungsrichtlinie schreiben. Regeln, welche Daten eingegeben werden dürfen und welche nie.
- Ins Verzeichnis eintragen. Die Verarbeitung in Ihrem Verzeichnis von Verarbeitungstätigkeiten führen.
Azure OpenAI schneidet in meinem Vergleich der gängigen KI-Tools genau deshalb gut ab: Es gibt Ihnen die vertraglichen und technischen Grundlagen, die ChatGPT Free nicht bietet. Aber die Grundlagen sind der Anfang, nicht das Ziel.
Der nächste Schritt
Wenn Sie wissen wollen, ob Ihr geplantes oder bestehendes Azure-Setup die Punkte oben abdeckt, machen Sie meinen kostenlosen KI-Compliance-Check. In 2 Minuten sehen Sie, wo die Lücken liegen.
Oder buchen Sie ein kostenloses 30-Minuten-Gespräch. Wir schauen gemeinsam auf Ihre Azure-Konfiguration und klären, was für eine saubere DSGVO-Dokumentation noch fehlt.